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SPOILER ALERT!

Die Nordwest-Passage, und alles zu seiner Zeit.

Die Entdeckung der Langsamkeit - Sten Nadolny

Polarexpeditionen erfreuen sich derzeit wieder einmal eines gesteigerten Interesses, vor allem diejenigen des zwischenzeitlich von Kenneth Branagh verkörperten Antarktik-Forschers Ernest Shackleton. Weniger bekannt ist dagegen immernoch Sir John Franklin, der nach mehreren vergeblichen Erkundungsfahrten sein Leben 1847 kurz nach Entdeckung der Nordwest-Passage auf tragische Weise verlor.

Dabei entstand bereits 1983 auf der Grundlage von Franklins Reiseberichten sowie weiteren historischen Quellen und wissenschaftlichen Abhandlungen Sten Nadolnys preisgekrönte Franklin-Biographie "Die Entdeckung der Langsamkeit." Allerdings beschränkt sich Nadolny in dieser nicht auf eine bloße Wiedergabe der äußeren Lebenstatsachen Franklins, so faszinierend sie auch sein mögen. Denn er sieht in Franklin vor allem die Verkörperung des Gedankens "alles zu seiner Zeit;" des bewussten Tritts auf die mentale Bremse: damals wie heute, angesichts einer sich täglich schneller drehenden Welt ein geradezu unerhörtes Konzept.

Nadolnys Franklin ist seit seiner Jugend im englischen Spilsby (Lincolnshire) der ewige Außenseiter, aufgrund seiner Langsamkeit scheinbar wehrlos dem Spott anderer ausgesetzt und unfähig, mit Dingen von auch nur mittlerer Geschwindigkeit Schritt zu halten, selbst mit der menschlichen Sprache. Schon früh wenden sich Johns Wünsche deshalb der See zu, die ihm als dunkel-grenzenloser Verbündeter erscheint. Sein Versuch, zu einer nahegelegenen Hafenstadt auszureißen, endet mit seiner Ergreifung und Versendung in ein Internat. Dort jedoch fällt er einem fortschrittlich gesonnenen Lehrer ins Auge, nachdem dieser bemerkt, dass "der Schüler F." (wie er einen auf seinen Beobachtungen beruhenden Aufsatz betitelt) nicht eigentlich langsamer ist als andere sondern seiner Umwelt lediglich besonders gründliche Aufmerksamkeit widmet; weshalb das, was sich einmal in seinem Gehirn festgesetzt hat, auch nie wieder in Vergessenheit gerät.

Mit der Zeit entwickelt Franklin eine Reihe von Techniken, um den Unterschied zwischen seinem eigenen Rhythmus und demjenigen der restlichen Welt zu überbrücken: einen starren Blick, der es ihm erlaubt, zu rasche Vorgänge einfach zu ignorieren; auswendig gelernte Floskeln, um die Pausen zu überbrücken, die ihm lange Sätze abverlangen; und ein mentales Ordnungssystem, das Dinge nach ihrer Dringlichkeit sortiert. Und je älter er wird, desto mehr prägt dieses angenommene Verhalten auch seine Lebenseinstellung.

Auf Empfehlung seines Lehrers heuert er mit vierzehn Jahren das erste Mal auf einem Schiff an. Wenig später beginnt er seine Karriere in der Royal Navy, in der er an den Schlachten von Kopenhgen (1801) und Trafalgar teilnimmt; außerdem an einer Seeschlacht vor New Orleans, die ihm eine Wunde einträgt. Nachdem er von 1801 bis 1803 bereits seinen Onkel, den namhaften Kapitän Matthew Flinders auf eine Erkundungsfahrt nach Australien begleitet hatte, erhält Franklin 1818 endlich sein erstes eigenes Kommando für eine Polarmeer-Expedition nördlich von Spitzbergen. Diese jedoch findet ihr vorzeitiges Ende, als beide unter seinem Befehl stehenden Schiffe – durch Eisschollen beschädigt – zur Rückkehr nach England gezwungen werden.

Franklin drängt auf ein neues Kommando, welches ihm schließlich in Form einer Land-Expedition zuteil wird; sein erster Vorstoß zur Nordwest-Passage, deren Existenz und Lage bislang bestenfalls vermutet werden kann. Schon aus Spannungsgründen ist diese Expedition der Jahre 1819-22 einer der Höhepunkte von Nadolnys Buch; insbesondere der Rückweg, auf dem Franklin und seine Mannen von Hunger, Leid und Tod – durch Auszehrung ebenso wie Mord und gar Kannibalismus – geradezu verfolgt werden. (Nicht unbedingt Gutenacht-Lektüre, wenn einem an ungestörtem Schlafe liegt.) Und doch: nachdem die Admiralität die Expedition schon als gescheitert erklärt und Franklin den Hohn seiner Landsleute hat ertragen müssen, bringt ihm sein ungeschnörkelter Erfahrungsbericht unerwartetes Ansehen und gar Reichtum und trägt ihm schließlich auch das Kommando für eine weitere Expedition in den Norden ein, die aufgrund ihrer sorgfältigen Vorbereitung und reichhaltigen Ausbeute an Beobachtungen und kartographischem Material als Erfolg gilt, obwohl auch sie nicht zur Entdeckung der Nordwest-Passage führt. Franklin wird geadelt, heiratet und gewinnt weiter an Ruhm und Reichtum – doch einstweilen kein weiteres Mandat für eine Reise zum Polarmeer.

Eher zögernd akzeptiert er deshalb die Bestellung zum Gouverneur von Van Diemen's Land (welches er zu Ehren des Entdeckers Abel Tasman in Tasmanien umbenennt); er sagt sich, dass ein Gouverneur – selbst der einer Strafkolonie – schließlich nichts grundsätzlich anderes tue als der Kapitän eines Schiffs. Wie auf See versucht Franklin wieder, die Verantwortung zwischen sich und seinen Stellvertretern aufzuteilen, wobei er sich selbst diejenigen Aufgaben vorbehält, die einer längerfristigen Betrachtung bedürfen, während das, was keinen Aufschub duldet, seinen ranghöchsten Vertretern zufällt. Aber diesmal hat er es nicht mit loyalen Untergebenen zu tun, die seine Sichtweise kennen und verstehen: Sein persönlicher Sekretär Maconochie ist ein radikaler Pseudo-Reformer; Kolonialsekretär Montagu steckt mit der lokalen Oberschicht unter einer Decke, die keinerlei Sympathien für Franklins Reformbemühungen hat; während dessen Bestreben, das Schicksal der Gefangenen und Aborigines zu verbessern, die humanistischen Qualitäten eines Mannes widerspiegelt, dessen Toleranz und Menschlichkeit ebenso wie sein wissenschaftliches Interesse durch ein Leben unter den verschiedensten Bevölkerungsgruppen, von Seeleuten und Forschern bis hin zu amerikanischen Indianern und Eskimos geprägt ist, durch die Erfahrung von Krieg und Frieden, von Zeiten des Hungers wie Zeiten der Fülle.

Gegen den Widerstand der kolonialen Gesellschaftselite und die Politik des königlichen Ministers Lord Stanley kommt Franklin auf Dauer nicht an: 1843 wird er nach London zurückberufen. Auf Intervention einflussreicher Freunde bestellt ihn Premierminister Sir Robert Peel ein und trägt ihm das neu geschaffene Amt eines königlichen Aufsehers über das Schulwesen an; nachdem Franklin jedoch erkennt, dass Peel sich lediglich seine scheinbare Zögerlichkeit zunutze machen will und nicht etwa von ihm erwartet, tatsächlich irgendwelche Reformen durchzusetzen, lehnt er dankend ab. Schließlich wird ihm doch noch einmal ein Kommando für eine Expedition zur Nordwest-Passage zuteil: seine letzte Reise, während der ihm (und seiner Mannschaft) vor Augen geführt wird, dass es einen gibt, der noch geduldiger ist als selbst der geduldigste Mensch – der Tod.

"Thou ... art passing on thine happier voyage now towards no earthly pole," heißt es in einem Gedicht von Franklins Cousin Tennyson, das sein Denkmal in Londons Westminster Abbey ziert. Franklin war sicher nicht der einzige Polarforscher, auf den diese Worte zutreffen. Wie Sten Nadolny zeigt, verdient er aber jedenfalls ebenso große Aufmerksamkeit wie seine Brüder im Geiste, und das nicht nur, weil ohnehin vieles über seine letzte Reise vielleicht für immer im Dunkel des Packeises verschwunden ist.