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Teuflisches Genie und Wahnsinn

Doktor Faustus - Thomas Mann

"Ja ... wir sind verloren. Will sagen: der Krieg ist verloren, aber das bedeutet mehr als einen verlorenen Feldzug, es bedeutet tatsächlich, daß *wir* verloren sind, verloren usere Sache und Seele, unser Glaube und unsere Geschichte. Es ist aus mit Deutschland, ... ein unnennnbarer Zusammenbruch, ökonomisch, politisch, moralisch und geistig, kurz allumfassend, zeichnet sich ab, – ich will es nicht gewünscht haben, ws droht, denn es ist die Verzweiflung, ist der Wahnsinn."

So fasst der Erzähler von Thomas Manns letztem vollendetem und, meiner Meinung nach, bedeutendstem Roman das Schicksal Deutschlands nach dem Ende der national-sozialistischen Barbarei zusammen. Aber es ist nicht nur eine Romanfigur, die da spricht: Dies ist Mann selber; er, der sich einst selbst als "Unpolitischen" bezeichnete und der, dazu verdammt, den Terror aus der Ferne seines kalifornischen Exils zu beobachten, noch einmal zu der mächtigen Feder griff, die ihm einen Literatur-Nobelpreis eingebracht hatte, und durch einen gewissen Dr. Serenus Zeitbloom (der Name selbst tief-ironischer Kommentar auf Manns eigene Lebensumstände) das Land zur Rechenschaft zog, in welchem er auch nach seiner Rückkehr nach Europa (1952) eine Heimat nicht mehr suchte.

Ausweislich seiner Tagebücher hatte Mann bereits 1904 die Idee, anhand der Versuchung eines genial begabten Musikers (und damit einer Abwandlung des urdeutschen Faust-Themas) die Korruption der Kunst durch das Böse darzustellen. Nachdem er mit angesehen hatte, wie ganz Deutschland den Verführungen Hitlers und seiner Henkertruppe verfiel – auch das Bildungsbürgertum, jener selbsternannte Wächter des deutschen Kulturgutes, um dessen Anerkennung der nicht universitätsgebildete, dunkelhaarige Kaufmannssohn Zeit seines Lebens ringen musste, so gut sich seine Bücher auch verkauften – lag es nur nahe, den vierzig Jahre zuvor entwickelten Gedanken wieder aufzugeifen, der zwischenzeitlich weitere Nahrung durch die Exil-Bekanntschaft mit Arnold Schönberg gefunden hatte (dessen Zwölfton-Kompositionslehre diejenige der tragischen Hauptfigur des Romans, des Komponisten Adrian Leverkühn wurde), sowie durch Friedrich Nietzsche, an dessen Gedankengut und persönlichem Schicksal Mann großen Anteil nahm. Sowohl philosophisch als auch musiktheoretisch zeigt sich desweiteren der Einfluss Theodor Adornos, mit dem Mann ein eingehender Briefwechsel verband.

Polyphone Musiktheorie also mit dem Untergang des humanistischen Gedankenguts, dem Aufstieg des Faschismus und der unheilvollen Macht der schwarzen Magie verbindend (und damit anknüpfend an Manns frühere Behandlung dieser und ähnlicher Themenkreise im "Zauberberg" und, sehr pointiert, beispielsweise auch in der Erzählung "Mario und der Zauberer") ist "Doktor Faustus" demnach gleichzeitig Kommentar auf die politischen Entwicklungen der Zeit, Warnung, und Auseinandersetzung mit Deutschlands hochfliegendem, und doch scheinbar so angreifbarem philosophisch-moralisch-geistigem Horizont – und auch, wiewohl meisterhaft konstruiert, ein Aufschrei der Verzweiflung im Angesichte blanken Wahnsinns. Denn bei aller Fülle seiner Bezüge zur deutschen (und mitteleuropäischen) Kulturgeschichte, von der mittelalterlichen Faust-Sage bis hin zu Goethe, Webers "Freischütz", Martin Luther, dem Protestantismus, und Sachsen und Thüringen als des geographischen wie auch kulturellen Herz Deutschlands, ist zentraler Punkt des Romans doch die Parallele zwischen dem Schicksal Deutschlands und demjenigen Leverkühns, die nach Vollendung ihres Pakts mit dem Teufel gleichermaßen in Ruin und Stumpfsinn, in der Erstarrung tiefer geistiger Umnachtung versinken.

Anders als Goethe, der die Versuchung seines Faust an den Anfang seiner Tragödie stellt und keinen Zweifel über die physische Realität des Ereignisses aufkommen lässt, hebt Mann Leverkühns Verführung auch erzähltechnisch auf die Ebene der Allegorie und des bloß Vorgestellten, indem er das Geschehen in zwei Teile zerlegt, deren gemeinsame Wirkung erst im Schlussteil des Romans ihre volle Bedeutung entfaltet. Bei keinem dieser beiden Schlüsselereignisse ist Zeitbloom, der "eigentliche" Erzähler anwesend; für die Glaubhaftigkeit beider sind wir deshalb ausschließlich auf Leverkühns eigenes Wort angewiesen. Und doch deutet bereits der erste Bericht – ein Brief, in dem der angehende Komponist beschreibt, wie er von einem gerissenen Führer in ein Freudenhaus geschleppt wurde und dort den Verführungskünsten einer Prostituierten erlag – all' das Üble an, was noch bevorsteht; nicht zuletzt die Geschlechtskrankheit, die schon bald als äußere Ursache von Leverkühns Wahnsinn hervortreten wird; und so endet der Brief denn auch nicht nur mit der Anweisung Leverkühns, diesen sofort zu vernichten, sondern beinhaltet auch den Ausruf, "Amen hiermit und betet für mich!"

Viel später im Verlauf der Erzählung – wiewohl andeutend, dass das Schriftstück selbst bereits zu einem früheren Zeitpunkt verfasst wurde, und es dadurch auf eine weitere (nun auch zeitliche) Abstraktions-Ebene hebend – führt Mann schließlich Leverkühns Niederschrift seiner Teufelsbegegnung ein; eine traumhafte Sequenz, in der der Verwandlungskünstler Sammael in Worten, denen das Echo Goethes und gar mittelalterlicher Redewendungen nachklingt, Leverkühn nichts weniger verspricht als den "Wandel eines Gottes": bei seinem Namen werde "eine ganze Horde und Generation empfänglich-kerngesunder Buben" schwören, "die dank [seiner] Tollheit es nicht mehr nötig haben, toll zu sein"; und sein Name werde ewig weiterleben. Und doch haben wir zu diesem Zeitpunkt bereits Leverkühn seine Zwölfton-Musik erklären gehört; haben mitangehört, wie er Zeitblooms Frage nach der freiheitsberaubenden Strenge seines Konzepts mit den Worten "gebunden durch selbstbereiteten Ordnungszwang, also frei" abzutun versuchte und sodann in einem hochsymbolhaften Dialog auf eine weitere, der zufallshaften Bildung harmonischer Klänge geltenden Frage seines Freundes auf die würdeerhaltende Kraft der kompositorischen Konstellation als solcher verwies - womit er, wie Zeitbloom folgerichtig sogleich anmerkt, natürlich unmittelbar auf Konzepte der schwarzen Magie Bezug nimmt, und so in Verbindung mit dem musikalischen sowie dem politischen Thema der Unterhaltung erneut den sich bereits in seinem Wesen breitmachenden Einfluss des Irrationalen und Teuflischen zu erkennen gibt, weit vor dem Zeitpunkt, zu dem der Leser endlich von seinem Zusammentreffen mit Satan (oder Sammael) erfährt.

Zweifelsohne eines von Manns persönlichsten Werken, ist "Doktor Faustus" sicher auch eines seiner komplexesten; und wenn auch keines seiner Bücher sich nun unbedingt zur Strandlektüre eignet, so sind doch die ironischen "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull", die beinahe humoristische "Königliche Hoheit" und selbst die "Buddenbrooks" nicht mehr als leichtes Florett im Vergleich zu der hier blank gezogenen Degenklinge des gereiften, meisterhaften Erzählers. Anspruchsvollstes Gut mit Sicherheit – aber auch im höchsten Maße empfehlenswert!