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Erinnerungen (Spiegel-Edition, #15) - Willy Brandt My Life in Politics - Willy Brandt

 

Note to the English Speakers out there: I've read the book in German, and not least because of its author and its topic it seemed logical to me for once to write a review in both German and English, and to put the German version first. You'll find the English version of this review if you scroll to the bottom of the German text and the two photos. Also, all quotes rendered in English are my own translations – they may not be identical with the translations of the same quotes in the English edition of Brandt's memoirs, which is entitled My Life in Politics. (Lastly, apologies for the length of this review: This is, however, the sort of book that merits some in-depth consideration if you're going to tackle it at all.)

 


 

Als fast auf den Tag genau vor 40 Jahren Beamte des deutschen Verfassungsschutzes an der Tür einer Wohnung im gehobenen Bonner Stadtteil Bad Godesberg klingelten und sich, nachdem ihnen der Wohnungsinhaber geöffnet hatte, in ihrer dienstlichen Eigenschaft auswiesen, entgegnete ihnen der vor ihnen Stehende: "Ich bin Bürger der DDR und ihr Offizier. Respektieren Sie das!" Der Mann hieß Günter Guillaume und war einer der politischen Referenten des damaligen Kanzlers Willy Brandt; mit seinen Namen verbindet sich bis heute der vor- und unzeitige Rücktritt eines der führenden deutschen Politiker der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.

 

1913 unehelich unter dem Namen Herbert Frahm in bescheidenste Lübecker Verhältnisse geboren, wuchs Brandt von klein auf in die Arbeiterbewegung hinein, in der sein die Vaterstelle vertretender Großvater aktiv war. Das Abitur gerade hinter sich und nicht einmal zwanzig Jahre alt, floh der engagierte Links-Sozialist anlässlich der nationalsozialistischen Machtergreifung nach Norwegen, wo er bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges eine zweite Heimat fand (und, von den Nazis ausgebürgert, auch die norwegische Staatsangehörigkeit annahm), als Journalist arbeitete, und von wo aus er auch in zahlreiche Widerstandsbewegungen eingebunden war; in sozialdemokratische ebenso wie Heinrich Manns "Deutsche Volksfront" gegen Hitler. Auch zu den Widerständlern des 20. Juli 1944 hatte er Kontakt. Das im norwegischen Exil zunächst zu Tarnzwecken angenommene Alias Willy Brandt wurde später zu seinem legalen Namen.

 

Nach dem Krieg zunächst als Journalist und schließlich norwegischer Presseattaché nach Deutschland zurückgekehrt, ließ Brandt sich – wohl nicht ungern – von sozialdemokratischen Freunden überzeugen, in Deutschland zu bleiben und sich nunmehr wieder dort politisch zu engagieren und am Wiederaufbau des Landes zu beteiligen: Hiervon handeln denn auch schwerpunktmäßig seine Erinnerungen, denen im Englischen (deskriptiver und zugleich bedeutungsschwangerer) nich von ungefähr der Titel My Life in Politics gegeben worden ist. Brandt erzählt die Geschichte seines politischen Lebens geradeheraus, ohne Umwege, oftmals auch ohne sich selbst zu schonen; dabei aber immer engagiert (und engagierend) – selbst sein langjähriger politischer Widersacher Rainer Barzel, CDU-Oppositionsführer während der Brandt-Regierungsjahre, sollte später über dieses Buch sagen, Brandt selbst habe "das bisher beste Porträt Willy Brandts" geschrieben.

 

Das Manuskript zu seinem im Jahr 1989 erstmals erschienene Buch hatte Brandt im Sommer jenes Jahres vollendet – offensichtlich noch vor Hochschwallen der Bürgerbewegung, die im Spätsommer und Herbst innerhalb weniger Monate das politische System der DDR zum Wanken und schließlich zum Einsturz brachte; eine Würdigung dieser Ereignisse musste einem Nachwort aus dem Monat November vorbehalten bleiben. Dass Brandt sein ansonsten mehr oder weniger chronologisch aufgebautes Buch gleichwohl mit dem Kapitel über seine Jahre in Berlin beginnt (zuerst an der Seite des charismatischen Regierenden Bürgermeisters Ernst Reuter, vier Jahre nach Reuters Tod schließlich als dessen Nachfolger im Amt), mag man angesichts des Veröffentlichkeitsdatums als mehr oder weniger prophetisch betrachten; jedenfalls aber zeugt es von der fundamentalen Bedeutung, die die Berliner Erfahrung für Brandts politisches Denken hatte, ebenso wie das Ringen der 50er Jahre um die künftige politische Ausrichtung Nachkriegsdeutschlands (sehr stark vereinfacht ausgedrückt, Zweistaatenlösung und Wiederbewaffnung mit politischer und militärischer Einbindung in NATO einerseits und Warschauer Pakt andererseits, oder Vereinigung der vier deutschen Besatzungszonen in einen militärisch neutralen Staat). Die Errichtung der Berliner Mauer am 13. August 1961 fiel in Brandts Amtszeit als Regierender Bürgermeister; schon die "Luftbrücke" des Jahres 1949 nach Abriegelung der Berliner West-Bezirke auf Geheiß Chruschtschows sowie den gescheiterten Volksaufstand in der zwischenzeitlich ausgerufenen DDR vom 17. Juni 1953 hatte er als Berliner Politiker miterlebt. Vom ersten Kapitel seiner Erinnerungen an lässt Brandt keinen Zweifel daran aufkommen, dass die in diesen Jahren gewonnenen Einsichten die später von ihm als Außenminister (ab 1966) und Bundeskanzler (ab 1969) verfolgte Politik der Annäherung gegenüber der DDR und dem Warschauer Pakt entscheidend mitbestimmten.

 

Brandt hatte zu denjenigen gehört, die in einer allzufrüh als "alternativlos" proklamierten Teilung Deutschlands mit rasch nachfolgender Block-Einbindung der beiden Staatengebilde eine vertane Chance sahen; mit der Errichtung der Berliner Mauer bezahlten die Stadt, und Deutschland insgesamt, aus seiner Sicht den Preis für die im ersten Nachkriegsjahrzehnt nicht ernstlich verfolgten alternativen Wege. Der Historiker fragt nicht, "was wäre gewesen wenn?" sagte mir während meiner Studienzeit einmal ein Professor, sondern nur "warum ist es so gekommen, wie es tatsächlich gekommen ist?" – und in der Tat scheint es, zumindest an dieser Stelle, müßig, zu fragen, ob der von Brandt bevorzugte Weg eine Erfolgschance gehabt hätte, und wie die weitere Entwicklung in diesem Falle gewesen wäre. Unverkennbar ist jedenfalls, dass Brandt nicht erst 1966, 1969 oder gar 1970/71 die Leitlinien dessen entwickelte, was als seine "Ostpolitik" in die Geschichte eingegangen ist und ihm 1971 den Friedensnobelpreis einbrachte.

 

Dabei nimmt der Moment, welcher wie kein anderer bildlich mit der Nobelpreisverleihung und dem politischen Erbe Brandts verbunden ist – der Kniefall am Monument der Warschauer Ghetto-Opfer – wohltuend, ja sogar erstaunlich wenig Raum ein: Eingebettet in eine (bereits für sich faszinierende) detaillierte Schilderung der Verhandlungsgeschichte der vier Verträge, welche die wesentlichen Früchte der unter dem Motto "Wandel durch Annäherung" stehenden Brandt'schen Ostpolitik darstellten – Moskauer Vertrag und Warschauer Vertrag 1970, Grundlagenvertrag mit der DDR 1972 und Prager Vertrag 1973, flankiert durch das Viermächteabkommen zwischen den USA, Großbritannien, Frankreich und der Sovietunion von 1971 – finden sich zu diesem so zentralen Moment nur wenige Absätze, zu deren Ende sich Brandt selbst vollkommen aus der Erzählerrolle herausnimmt und das Wort stattdessen einem journalistischen Zeitzeugen überlässt:

"Es war eine ungewöhnliche Last, die ich auf meinem Weg nach Warschau mitnahm. Nirgends hatte das Volk, hatten die Menschen so gelitten wie in Polen. Die maschinelle Vernichtung der polnischen Judenheit stellte eine Steigerung der Mordlust dar, die niemand für möglich gehalten hatte. [...]

Ich hatte nichts geplant, aber Schloß Wilanow, wo ich untergebracht war, in dem Gefühl verlassen, die Besonderheit des Gedenkens am Ghetto-Monument zum Ausdruck bringen zu müssen. Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.

Ich weiß es auch nach zwanzig Jahren nicht besser als jener Berichterstatter, der festhielt: 'Dann kniet er, der das nicht nötig hat, für alle, die es nötig haben, aber nicht knien – weil sie es nicht wagen oder nicht können oder nicht wagen können.'"

(Anmerkung: Das von Brandt verwendete Zitat entstammt dem durchaus auch in seiner Gesamtheit als Zeitzeugnis lesenswerten Artikel Ein Stück Heimkehr (Hermann Schreiber/ Der Spiegel 14.12.1970, Heft 51/1970.)

So bahnbrechend und richtig die Brandt'sche Ostpolitik sich rückblickend erwiesen hat, so umstritten war sie damals im eigenen Land: Brandt musste zu ihrer Durchsetzung nicht nur im April 1972 im Bundestag ein von der Opposition angestrengtes konstruktives Misstrauensvotum überstehen (was, wenn auch denkbar knapp, gelang), sondern auch vorgezogene Neuwahlen im Herbst 1972, welche seiner Regierungskoalition einen noch deutlicheren Wahlsieg einbrachten als die Wahlen 1969. Obwohl ich damals erst in der Grundschule war, gehört die auf den simplen Slogan "Willy wählen" zugespitzte Wahlkampagne der SPD zu meinen ersten prägenden politischen Erinnerungen; auch in meiner Schule (keine 10 km von Konrad Adenauers Rhöndorf entfernt!) trug, wer auf sich hielt, einen "Willy wählen"-Button am Revers, sehr zum Amüsement übrigens unserer Eltern, die ganz und gar nicht unbedingt alle der SPD nahestanden.

 

Hatte Brandt mit den Ost-Verträgen seinen Zenit als Gestalter der deutschen Politik erreicht? Er selbst bezeichnet dies als "billige Lesart", auch wenn er nicht abstreitet, dass sich seine Regierung in dem Moment, als die Guillaume-Affäre über ihn hereinbrach, in zahllosen ermüdenden innenpolitischen Grabenkämpfen verstrickt hatte. Bitter muss jedoch stimmen – und sicher nicht nur Brandt selbst, der die Abrechnnung mit den seinerzeit unmittelbar Beteiligten in den Erinnerungen auf wenige, verhältnismäßig obskure Andeutungen beschränkt, deren Bedeutung sich erst durch die Lektüre seiner dem Buch als Annex beigefügten, wahrscheinlich aus dem Sommer/ Herbst 1974 stammenden "Notizen zum Fall G" erschließt – bitter muss stimmen, dass sich in den gegen Günter Guillaume und seine Frau angestrengten Ermittlungen nie der Verdacht erhärten ließ, dass sie überhaupt nennenswerte Geheimnisse an ihre Herren und Meister in der DDR weitergegeben hatten. Tatsächlich war Guillaumes eingangs zitiertes spontanes Geständnis gegenüber den Verfassungsschutzbeamten, als diese am Morgen des 24. April 1974 in seiner Wohnungstür vor ihm standen, der "härteste" Nachweis, auf den die Verurteilung gestützt wurde, und dass er und seine Frau auf der Grundlage solcher Ermittlungsergebnisse überhaupt wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt wurden, war eher eine Frage bundesrepublikanischer Selbstachtung: Gemessen an den dünnen seinerzeitigen Ermittlungsergebnissen hätte – jedenfalls wenn man den Enthüllungen von Edward Snowden glauben kann – jeder jüngst an der allem Anschein nach wesentlich tiefer greifenden Handy-Ausspähung von Frau Merkel beteiligte NSA-Agent, wenn das deutsche Strafrecht dies zuließe (was nicht der Fall ist), eine mehrfach lebenslängliche Freiheitsstrafe verdient. Brandt selbst jedenfalls unterschätzte die Angelegenheit zunächst vollkommen; er begründete seinen schließlich doch erklärten Rücktritt zwar damit, dass er für die im Zusammenhang mit Guillaume stehenden "Fahrlässigkeiten" (wie es in seinem Rücktrittsschreiben hieß) die Verantwortung übernehme; tatsächlich gab er aber wohl eher dem Drängen von Parteifreunden nach, die ihm, zutreffend oder nicht, den Eindruck vermittelt hatten, er sei durch die Affäre und durch das, was Guillaume angeblich über sein Privatleben erfahren habe, erpressbar geworden.

 

Dass Brandts Rücktritt als Kanzler nicht gleichzeitig seinen vollkommenen Rückzug aus der Politik bedeutete, erwies sich nicht zuletzt international gesehen als Glücksfall; auch in der Funktion als SPD-Parteichef, die er bereits seit 1964 innehatte und noch bis 1987 weiter behielt, sowie als Europa-Abgeordneter (1979-82) und Vorsitzender diverser internationaler Kommissionen, insbesondere der Unabhängigen Kommission für internationale Entwicklungsfragen ("Nord-Süd-Kommission", 1977-80) wirkte er weiter, sowohl vor als auch hinter den Kulissen. Besonders am Herzen lagen ihm dabei die europäische Einigung (auch diesbezüglich gehörte er zu den Visionären: Erste konkrete Ansätze zur Umwandlung der damaligen EWG in die Wirtschafts- und Währungsunion, welche erst mit dem Vertrag von Maastricht 1993 Gestalt annahm, hatte er bereits über 20 Jahre zuvor in Verhandlungen mit den anderen europäischen Regierungschefs entwickelt) sowie der Umweltschutz und die Verständigung zwischen der nördlichen und der südlichen Erdhalbkugel, getragen von der Erkenntnis, dass das Überleben der Menschheit nur zu sichern ist, wenn wir mit den Ressourcen der Erde verantwortungsbewusst umgehen und auf eine möglichst gleichmäßige Wohlstandsverteilung bedacht sind – ohne allerdings den Verlockungen eines von Staats wegen verordneten Sozialismus oder gar Kommunismus zu verfallen: Brandt war schon frühzeitig zu der Überzeugung gelangt, dass nur die Marktwirtschaft, wenn auch, soweit möglich, in der Ausprägung einer sozialen Marktwirtschaft nach dem von ihm mitgestalteten deutschem Vorbild, die Instrumentarien zur Verfügung stellt, welche weltweit zur Verbreitung von Wohlstand beitragen.

 

Im Laufe seines annähernd lebenslangen Politiker-Daseins, insbesondere aber in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, gab es so gut wie keinen wesentlichen Staatsmann im In- und Ausland, den er nicht persönlich kennenlernte; die Portraits amerikanischer und französischer Präsidenten (insbesondere Kennedy, Carter, Nixon und Reagan in den USA sowie De Gaulle und Pompidou in Frankreich), britischer Premierminister (Harold Wilson, Edward Heath), sovietischer Partei- und Staatschefs (Chruschtschow, Breschnew, Kossygin, Gorbatschow), ihrer Außenminister (Kissinger, Couve de Murville, Gromyko), DDR-Politiker wie Walter Ulbricht und Erich Honecker, sowie zahlreicher anderer Persönlichkeiten der Weltpolitik sind zweifelsohne eines der Highlights dieses Buchs, angefangen bei innerdeutschen polititschen Gegnern und Weggefährten (Adenauer, Erhard, Kiesinger, Barzel, Strauß, Schumacher, Reuter, Schiller, Heinemann, Wehner, Schmidt, Bahr, Scheel, Genscher: das komplette "Who is Who" der westdeutschen Politik bis zur Jahrtausendwende) bis hin zu Partei- und Staatschefs wie Deng Xiaoping, Fidel Castro, Felipe González, Indira Gandhi, Golda Meir und Bruno Kreisky. Brandts Urteil über sie alle ist differenziert, ehrlich und oftmals auch überraschend; dass ihn mit Kennedy viel verband, kann man noch erwarten, weniger dagegen, dass er (und auch sein Amtsnachfolger Helmut Schmidt) offenbar über Partei- bzw. Lagergrenzen hinweg mit Republikanern wie Nixon, Kissinger und Reagan europa- und weltpolitisch mehr Gemeinsamkeiten entdeckten als mit dem Demokraten Jimmy Carter. Eine besondere Würdigung wird zum Ende des Buches dem 1986 ermordeten Schweden Olof Palme zuteil, mit dem Brandt seit den 50er Jahren eng befreundet war, und mit dem ihn auch politisch besonders Vieles verband.

 

Für mich war die Lektüre von Brandts Memoiren einerseits faszinierender Einblick in die Gedankenwelt eines der führenden deutschen Politiker der jüngeren Vergangenheit schlechthin, andererseits aber auch eine Reise in meine eigene Kindheit und Jugend; mehr und mehr wird mir klar, wie sehr gerade die Jahre, in denen Willy Brandt und sein Nachfolger Helmut Schmidt an der Spitze der deutschen Regierung standen – und in denen die deutsche Wirklichkeit (noch bis 1989) durch Mauer und Teilung bestimmt wurde – auch mein eigenes politisches Denken und Erleben geprägt haben. Willy Brandt hat die deutsche Wiedervereinigung gerade so eben noch miterlebt; er mag ihr Kommen erahnt haben, als er gegen Ende seines Manuskripts im Sommer 1989 formulierte:

"Warum, mit welchem Recht und aufgrund welcher Erfahrung ausschließen, daß eines Tages in Leipzig und Dresden, in Magdeburg und Schwerin – und in Ostberlin – nicht Hunderte, sondern Hunderttausende auf den Beinen sind und ihre staatsbürgerlichen Rechte einfordern? Einschließlich des Rechts, von einem Teil Deutschlands in den anderen überzusiedeln?"

[...]

"Und Berlin? Und die Mauer? Die Stadt wird leben, und die Mauer wird fallen. Aber eine isolierte Berlin-Lösung, eine, die nicht mit weiterreichenden Veränderungen in Europa und zwischen den Teilen Deutschlands einhergeht, ist immer illusionär gewesen und im Laufe der Jahre nicht wahrscheinlich geworden."

Auch Brandt verfügte indessen nicht über hellseherische Fähigkeiten: Die Ost-Erweiterung, welche die Europäische Union in den Jahren seit 1990 erfahren hat, hielt er noch 1989 für undenkbar; nicht zuletzt deshalb, weil sie dem Sicherheitsbedürfnis Russlands, so wie es sich ungeachtet aller Abrüstungsverträge auch unter Gorbatschow weiter manifestierte, diametral entgegenzustehen schien. Tatsächlich haben Gorbatschow und Yeltsin die ehemaligen Verbündeten der Sovietunion ziehen und (was Brandt sicher als noch utopischer angesehen hätte) sogar Mitglieder der NATO werden lassen; selbst ehemalige Sovietrepubliken (Estland, Lettland und Litauen) sind heute Mitglieder des westlichen Verteidigungsbündnisses. Aber bereits vor den beunruhigenden Ereignissen, die seit einiger Zeit die Ukraine bis aufs Mark erschüttern, hat der russische Bär in "Anrainerstaaten" wie Georgien unter Einsatz von Kriegsgerät und Menschenleben die Muskeln spielen lassen, und Vladimir Putin ist kein zweiter Michail Gorbatschow. Willy Brandt stand der Aussicht auf eine tiefgreifende Demokratisierung Russlands bis zum Ende seines Lebens skeptisch gegenüber, und die jüngere Geschichte scheint ihm jedenfalls insoweit Recht zu geben. Er jedenfalls gehörte nicht zu denjenigen, die die Bereitschaft Moskaus zum Einsatz der eigenen Waffenarsenale jemals unterschätzt haben: Die von ihm maßgeblich mitgeprägte Entspannungspolitik war deshalb erfolgreich, weil sie diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs gleichermaßen die Einsicht beförderte, dass beim Zündeln an atomaren Pulverfässern notwendigerweise alle Beteiligten gleichermaßen zerstörerisch auf der Verliererstraße landen müssen, und weil sie gleichzeitig eine realistische Zukunftsperspektive aufzeigte, die ein friedliches Nebeneinander tatsächlich möglich erscheinen ließ. Wie auch immer man die gegenwärtige Politikerkaste im Vergleich zu den Generationen ihrer Vorgänger einschätzt; es wäre zu wünschen, dass auch sie jedenfalls zum Blick über den tagespolitischen Tellerrand in der Lage sind, der letztlich immer nur zur Reaktion, nicht zum gezielten vorausschauenden Handeln verhilft. Und im Hinblick auf die größte Bedrohung des Weltfriedens und des Überlebens der Menschheit ist die Einschätzung, mit der Brandt seine Erinnerungen 1989 beschloss, noch so aktuell wie eh' und je:

"Seit Jahr und Tag ist notorisch, daß unsere Erde das vorausberechenbare Wachstum der Bevölkerung, die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen und die Auszehrung der Umwelt nicht lange erträgt. Wir leben seit geraumer Zeit auf Kosten kommender Generationen. [...] Die Gefahr, daß die Menschheit sich selbst zerstört, ist auch dann nicht gebannt, wenn der Atomkrieg ausbleibt."

Brandt und Guillaume:
Links: Der Kniefall von Warschau; rechts: Brandt mit Günter Guillaume (im Hintergrund)
Left: Brandt kneeling at the Warsaw Ghetto Monument; right: Brandt and Günter Guillaume (in the background).

 

A Visionary and an Architect

When, almost exactly 40 years ago to this day, a team of agents of the German secret service rang the door bell of an apartment in Bonn's well-off neighborhood of Bad Godesberg and identified themselves to the tenant in their official capacity, the man facing them at the apartment door responded: "I am a citizen and an officer of the German Democratic Republic. I want you to respect that!" He was one of then-chancellor Willy Brandt's assistants; his name, Günter Guillaume, has come to be associated, ever since, with the untimely resignation from office of one of Germany's leading politicians in the second half of the twentieth century.

 

Born in 1913 Lübeck, out of wedlock, into extremely modest circumstances, and originally named Herbert Frahm, Brandt was raised from his earliest years in the tradition of the labour movement in which his grandfather, who came to take his father's place, was an active participant. He had barely graduated from high school and was not yet twenty years old at the time of the national socialist seizure of power, but, already a vigorous left-leaning activist, was compelled to flee to Norway, where he found a second home until the end of WWII (as well as citizenship, after having seen his German citizenship revoked by the Nazis); where he worked as a journalist, and from where he was involved with numerous resistance movements, Social Democrat efforts as well as Heinrich Mann's "Deutsche Volksfront" ("German Popular Front") against Hitler. He also entertained contacts with the group that planned the failed July 20, 1944 attempt to assassinate the German dictator. His alias Willy Brandt, initially assumed for covert purposes during the years of his Norwegian exile, eventually became his legal name.

 

Returning to Germany after the war as a journalist and, later, as Norwegian press attaché, Brandt was persuaded by friends – not however unwillingly, it would appear – to remain in the country, become involved in its politics and help Germany get back on its feet after the war: and it is this part of his life which is at the core of his memoirs, whose English translation is consequently entitled, more descriptively and weightier than the German title Erinnerungen ("memories"), My Life in Politics. Brandt tells the story of his political life straightforwardly, without any ado, often also without much mercy towards himself; always, however, in a manner illustrating his unbroken commitment, and therefore always equally compelling. Even his long-lasting Christian Democratic opponent Rainer Barzel, parliamentary opposition leader during Brandt's tenure as German chancellor, would come to assess Brandt's own memoirs as "the best portrait of Willy Brandt published to date."

 

Brandt completed the manuscript of his book, which was first published in 1989, in the summer of that year; apparently somewhat prior to the swelling of the popular protest movement which, in late summer and fall of the same year, would come to cause the East German political system to topple over and collapse: an appraisal of these events is left to an afterword to the book's main body of text. In light of the book's publication date, it may seem prophetic for Brandt to have chosen to begin his narration, which is otherwise structured essentially chronologically, with the chapter addressing his years in Berlin (first at the side of the city's charismatic Mayor Ernst Reuter, four years after Reuter's 1953 death as his successor in office). In any event, his choice of opening chapter evidences the fundamental impact that his Berlin experience would come to have on Brandt's political thinking, along with the 1950s' struggle for post-war Germany's future political direction (the options then on the table being, in grossly simplified terms, either two separate states, both of which were to be rearmed and integrated politically and militarily into NATO on the one hand and the Warsaw Pact on the other hand, or the unification of the four German occupied zones in one neutral state without any military allegiance whatsoever). The August 13, 1961 erection of the Berlin Wall occurred during Brandt's tenure as Mayor of Berlin; so, too, as a politician active in Berlin he had already witnessed the 1949 Berlin Airlift occasioned by the Khrushchev-initiated blocking of supply routes to and from West Berlin, and the unsuccessful June 17, 1953 popular uprising in the territory which had, by that time, been proclaimed the Democratic Republic of Germany. From his memoirs' very first chapter, Brandt leaves no doubt that the insights that he had gained during those years in Berlin were instrumental in determining the policy of rapprochement which he would come to pursue vis-à-vis East Germany and the Warsaw Pact States later on, as West Germany's foreign minister (from 1966) and as its chancellor (from 1969).

 

Brandt had been one of those who had mourned the quick declaration of Germany's split in two parts as allegedly "without alternative", followed by a speedy integration of its two halves into opposing military alliances, as a lost chance for a different path: the Berlin Wall, from his perspective, was the price that the city and indeed all of Germany had to pay for the first postwar decade's decision not to explore any alternate routes. A historian, one of my own professors once told me in university, does not ask "what would have happened if" but only "why did things actually happen the way they did?" – and indeed it arguably would seem beside the point, at least for present purposes, to wonder whether the path preferred by Brandt would have stood any chance of being successful, and if so, how things would have progressed from there. It is undeniable, in any event, that Brandt did not come to formulate only in 1966, 1969 or even 1970-71, but indeed much earlier, the basic tenets of what later made history as his "Ostpolitik" ("Eastern politics" or "Eastern policy") and earned him the 1971 Nobel Peace Prize.

 

Yet, for all that, the one moment – the one image – which encapsulates, like no other, Brandt's political legacy and his winning of the Nobel Peace Prize; namely, his kneeling down spontaneously at the monument to the victims of the Warsaw ghetto, is given gratifyingly moderate space: Embedded in a detailed (and in and of itself, fascinating) description of the negotiations concerning the four treaties that make up the major harvest reaped from Brandt's politcal dealings with the Soviet Union and its allies under the motto "Change by Rapprochement" – the 1970 treaties of Moscow and Warsaw, the 1972 treaty with East Germany and the 1973 treaty of Prague, all of these accompanied by the 1971 "Four Powers' Agreement on Berlin" between the U.S., Great Britain, France and the Soviet Union – ony a few short paragraphs are dedicated to this pivotal moment, and at the end of the passage in question, Brandt even relinquishes the role of the narrator entirely and passes it on to a journalist who witnessed the events:

"I took an extraordinary burden to Warsaw. Nowhere else had a people suffered as much as in Poland. The robotic mass annihilation of the Polish Jews had brought human blood lust to a climax which nobody had considered possible. [...]

Although I had made no plans, I left my accommodations at Wilanow Castle feeling that I was called upon to mark in some way the special moment of commemoration at the Ghetto Monument. At the abyss of German history and burdened by millions of murdered humans, I acted in the way of those whom language fails.

Even twenty years later, I wouldn't know better than the journalist who recorded the moment by saying, 'Then he, who would not need to do this, kneels down in lieu of all those who should, but who do not kneel down – because they do not dare, cannot kneel, or cannot dare to kneel.'"

(Note: The quotation used by Brandt is from the article Ein Stück Heimkehr [A Partial Homecoming] (Hermann Schreiber/ Der Spiegel No. 51/1970, Dec. 14, 1970), which, at least to those who read German, also makes for interesting reading in its entirety as a piece of reporting on this crucial moment in German and European history.)

Groundbreaking and common sense as Brandt's policies seem to us in hindsight, they were nevertheless highly disputed in the West Germany of those years: In order to realize them at all, Brandt did not only have to withstand an April 1972 parliamentary vote of no confidence (which he survived just barely), but also had to call for early elections in the fall of 1972, which his coalition government ended up winning even more convincingly than those of 1969. Though I was only in elementary school at the time, the Social Democratic Party's electoral campaign, summed up in the simple motto "Willy wählen" ("Vote for Willy") is one of my earliest formative political memories; even in my school (just barely over 6 miles from Konrad Adenauer's home!), whoever was or wanted to be part of the "in crowd", proudly wore a "Willy wählen" button on their lapel; much to the amusement of our parents, incidentally, by far not all of whom voted Social Democrat themselves.

 

Did the treaties concluded with East Germany, Russia, and their Polish and Czechoslovakian allies mark the high point in Brandt's career as an architect of German politics? He himself castigates this notion as a "cheapskate interpretation," even though he is far from denying that by the time the Guillaume scandal broke, his government was entrenched in numerous exhausting internal battles. What, however, must necessarily leave a somewhat bitter aftertaste – and certainly not only in the mouth of Brandt himself, who in his memoirs confines the settling of scores to comparatively few and obscure comments, whose full meaning only becomes transparent after one has also read Brandt's "Notes on the Matter of G" (dating probably from the summer or fall of 1974), included in the book's annex – what must leave a somewhat bitter aftertaste is the fact that the investigation of Günter Guillaume's and his wife's activities never yielded any evidence to the effect that they had actually ever reported any substantial state secrets to their East German masters. In fact, Guillaume's spontaneous admission to the secret service agents facing him at his apartment door on the morning of April 24, 1974 (quoted at the beginning of this review) constituted the "hardest" piece of evidence on which his criminal conviction came to rest at all, and the fact that the Guillaumes were sentenced to several years of prison for spying at the time principally was a matter of West German self-respect: If Edward Snowden is to be believed, and measured by the scant evidence on which the Guillaumes were convicted, each and every NSA agent involved in the recent, by all appearances much more incisive wire-tapping operation concerning Mrs. Merkel's official cell phone would have to be looking at several lifetimes' worth of prison sentences, if German criminal law would allow for this (which it doesn't). Brandt himself, in any event, initially completely underestimated the matter. When he finally did resign, although in his letter of resignation he said he was doing so in order to take responsibility for the "negligence" associated with the Guillaume matter, actually he may well simply have given in to the pressure brought onto him by members of his own party, who, correctly or incorrectly, conveyed to him that the scandal as such, as well as certain alleged facts that Guillaume had (again allegedly) learned about his private affairs had made him an easy target for blackmail.

 

Not least from an international perspective, it would come to turn out as a stroke of luck that Brandt's resignation from the office of chancellor did not, at the same time, also signal his complete retirement from politics. He continued to work to great effect, both on and off stage, in his capacity as head of the German Social Democratic Party (which he had become in 1964 and remained until 1987), and also as a Member of the European Parliament (1979-82) and chairman of several international committees, chiefly among those, the Independent Commission for International Development (aka "North South Commission", 1977-80). His primary focus in those efforts was, on the one hand, a unified Europe (where again, his policies had proved visionary insofar as in his negotiations with other European heads of state he had, as early as in 1971, taken first steps to transform the European Economic Community of the 1970s into the Economic and Monetary Union that would only come to take shape 20 years later in the 1993 Treaty of Maastricht), as well as the protection of the environment and the dialogue and reconciliation between the Northern and the Southern Hemispheres, recognizing that the survival of humanity requires a responsible use of the earth's natural resources and as equal a distribution of wealth as possible – without, however, falling into the trap of state-mandated socialism or communism: Brandt had come to the conclusion early on that only a market economy, albeit preferably one tempered by social security, such as he had helped forge in Germany, provides the requisite tools to spread worldwide prosperity.

 

In the course of his almost lifelong career as a politician, particularly however in the second half of the 20th century, there was virtually no important state leader whom he did not meet; the portraits of American and French Presidents (especially Kennedy, Carter, Nixon and Reagan in the U.S.; De Gaulle und Pompidou in France), British Prime Ministers (Harold Wilson, Edward Heath), Soviet leaders (Khrushchev, Breshnev, Kossygin, Gorbachev), their respective Foreign Ministers (Kissinger, Couve de Murville, Gromyko), East German politicians such as Walter Ulbricht and Erich Honecker, as well as numerous other politicians worldwide are, without doubt, one of this book's highlights; from German domestic friends and foes (Adenauer, Erhard, Kiesinger, Barzel, Strauß, Schumacher, Reuter, Schiller, Heinemann, Wehner, Schmidt, Bahr, Scheel, Genscher: the entire "Who is Who" of West German politics until the beginning of the new millennium) to foreign leaders such as Deng Xiaoping, Fidel Castro, Felipe González, Indira Gandhi, Golda Meir and Bruno Kreisky. Brandt's appraisal of all of them is as discriminating as it is honest and, frequently, also surprising; as such, while the strong ties connecting him with President Kennedy are hardly astonishing, a tidbit decidedly less naturally to be expected must surely consist in the fact that he (and also his successor Helmut Schmidt) found more common ground in terms of European and international politics with Republicans such as Nixon, Kissinger and Reagan than with the Democrat Jimmy Carter. Towards the end of the book, a particular appreciation is given to Swedish leader Olof Palme, who was murdered in 1986, and with whom Brandt had shared both a close personal friendship and particularly close political ties since the 1950s.

 

To me, reading Brandt's memoirs did not only offer fascinating insights into the thought processes of one of the leading German politicians of the recent past, but also a trip down memory lane back to my own childhood and youth: I have come to realize more and more how much the years of Willy Brandt's and his successor Helmut Schmidt's chancellorships in particular – and of a German day-to-day reality controlled, until 1989, by the Berlin Wall, and the separation of the nation into two parts – have impacted my own political thought and experience. Willy Brandt barely lived long enough to witness the German reunification; he may, however, well already have divined it, when towards the end of his narration he wrote, in the summer of 1989:

"Why, from what right and based on what experience exclude the possibility that one day in Leipzig and Dresden, in Magdeburg and Schwerin – and in East Berlin – not merely hundreds but hundreds of thousands will take to the streets and demand their rights as citizens? Including the right to move from one part of Germany to the other?"

[...]

"And Berlin? And the Wall? The city will remain alive, and the Wall is going to come down. But an isolated solution for Berlin, one that does not go hand in hand with the broader changes in Europe and between the two parts of Germany, has always been illusionary and has not become any more probable over the course of the years."

Yet, Brandt was not clairvoyant: The European Union's Eastern expansion that we have seen in the years since 1990 still seemed unthinkable to him as late as 1989; not least because it seemed diametrically opposed to Russia's security interests, such as they continued to manifest themselves even under Gorbachev, and despite all disarmement treaties.  As a matter of fact, Gorbachev and Yeltsin did end up letting the Soviet Union's former allies go, and (something that Brandt would probably have considered even more utopian) even permitted them to become members of NATO; even some former Soviet republics (Estonia, Latvia, Lithuania) today are members of the Western military alliance. However, even before the disquieting events that for some time now have been shaking Ukraine to its core, the Russian bear had already employed its military machinery (at the cost of human lives) to flex its muscles in neighboring states such as Georgia, and Vladimir Putin is certainly not another Mikhail Gorbachev. Willy Brandt held a lifelong skepticism for the notion of a profound democratization of Russia, and the more recent past would seem to prove him right. He, in any event, never was among those who underestimated Moscow's readiness to actually employ its own weaponry: the path towards a military disarmement and détente that he helped forge was successful because it was built, on the one hand, on the realization, on both sides of the Iron Curtain, that playing with fire next to nuclear powder kegs will land all parties to the conflict on an equally disastrous path towards ruin, and on the other hand on a feasible perspective of a peaceful coexistence. Whichever one's assessment of today's politicians in comparison to the generation of their predecessors, the world would undoubtedly be better off if they likewise would prove capable of at least the measure of vision necessary to enable them to act with foresight, instead of merely reacting to events. And with regard to what constitues the greatest threat to world peace, and to the survival of humanity as such, Brandt's concluding remarks to his memoirs are as timely as ever:

"It has been an obvious fact for the longest time that our earth will not be able to sustain for long the foreseeable growth of its population, the exhaustion of its natural resources, and the emaciation of its natural environment. We have been living for quite a while at the expense of our future generations. [...] The absence of a nuclear war does not, by itself, diminish the danger of humanity's self-destruction."

Review cross-posted on Leafmarks.

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